Das Performing Arts Festival – ein Rückblick aus Blogger*innensicht - Performing Arts Festival Blog 2018

Das Performing Arts Festival – ein Rückblick aus Blogger*innensicht

13. Juni 2018

NEWS

Sechs Tage lang haben wir das  Performing Arts Festival 2018 begleitet – mit Kritiken und Chatgesprächen, Fotos und Videos. Was ist uns aufgefallen, was hat uns begeistert, was verstört? Ein kollektiver Rückblick.

Wohin?

Sechs Tage lang von einem Ende der Stadt zum anderen, von einem Spielort zum nächsten. Auf den vielen Wegen erscheint irgendwo immer ein PAF-Aufsteller. Eine dauerhafte Zerrissenheit: Wo bleibe ich, wo ziehe ich weiter?

Aïsha Mia Lethen Bird

Flackern

Alle warten auf den Einlass. Ein junger Mann fragt: „Kann ich mir was von dir drehen?“ Er erhält Tabak, Filter und Blättchen von einem anderen Besucher. Eine Weile stehen sie sich gegenüber, zufrieden mit sich und der Welt. Nichts passiert. Dann fragt der erste „Hast du Feuer?“ Später, auf dem Weg nach Hause. Weil es warm ist, laufe ich am Kanal. Eine angetrunkene Stimme quängelt mir aus dem Dunkel entgegen. „Hat mal wer ne Zigarette?“ und eine Sekunde später: „Und Feuer?“ Die guten Geschichten kann man auch zwei Mal hören.

Mareike Dobberthin

© Paula Reissig

Vor verschlossener Tür

Als ich innerhalb von kurzer Zeit zum zweiten Mal beim PAF 2018 vor verschlossener Tür stand, weil die Vorstellung abgesagt wurde, bekam ich einen Lachanfall – und musste kreativ werden. So habe ich zwar eine Odyssee durch Berlin gemacht, aber auch etwas Neues und Unerwartetes gesehen: eine Tanzperfomance im öffentlichen Raum. Wobei drei Misserfolge ja auch was gewesen wären: ein No-PAF-Hattrick.

Marie Benthin

Überall

Ein Tag ohne PAF – das war der Plan. Ich schlendere die Oranienstraße entlang, an Cafés und Bars, Buchläden und Waschsalons vorbei. Sehe den ersten bunten PAF-Banner. Der zweite verweist auf einen Hinterhof. Irgendwann komme ich am Moritzplatz an, sitze in den Prinzessinnengärten. Plötzlich verändert sich die Luft. Im gewöhnlichen Samstagnachmittagstrubel entsteht ein eigener kleiner Trubel, mittendrin, aber auch für sich. Ich schaue genauer hin: eine Klanginstallation. PAF, klar: Man muss gar nicht erst hingehen. Man gerät einfach ständig hinein.

Antonia Ruhl

© Nihad Nino Pušija

Gender Trouble

In der Dadaismus-inspirierten Performance „Die DaDaMen“ in der Brotfabrik zelebrierte das Publikum neue Identitäten und sexuelle Orientierungen. Das Genderbingo ließ jeden frei nach Schnauze bestimmen, was er denn in Zukunft sein möchte. Der wilde Abend mündete in eine ausgelassene Wackelpuddingschlacht, ganz in dem Tagesmotto: Jetzt ist es auch egal. Also, hoch die Tassen. Ich bin ein Herm-Sternchen-Aphrodit!

Antonia Kaminiczny

Gemeinsam

Dafür lohnt es sich: kurz vor Beginn der Performance in einem engen Treppenhaus eines Theaters mit zwei Unbekannten zu sitzen, sich gemeinsam zu fragen, wann die Tür zum Saal endlich aufgeschlossen wird und was man wohl zu sehen bekommt. Am Ende des Abends sind die beiden Unbekannten gar nicht mehr so unbekannt. Zusammen philosophieren wir nach der Performance in der lauen Sommernacht über das Gesehene – eine angehende Ernährungsberaterin, ein Softwareentwickler und eine Theaterwisschenschaftlerin.

Greta Haberer

© Nihad Nino Pušija

Fragen

Stimmengewirr, bunte Farben, Lichtreflexe, elektronische Dance-Musik, Chanson, zeitgenössischer Pop, Menschen aus den verschiedensten Milieus – Theater kann ein Fest sein und dies nur nicht an den Spielstätten, sondern auch in den Zwischenräumen. In der ungezwungenen Atmosphäre von Berlin nimmt die Kunst die Stadt in Besitz und stellt Fragen, ohne Rücksicht auf Verluste. Antworten gibt es weniger. Das bleibt Aufgabe des Zuschauers.

Thomas Erlenhardt

Vier zu Vier

Bei der Aufführung „Theater ohne Probe – im Sinne von Brecht“ erlebte ich mein ungewöhnlichstes PAF-Theatererlebnis. Als ich die Brotfabrik betrat, stellte sich heraus, dass wir nur zu viert im Publikum bleiben würden. Nun standen den vier Schauspieler*innen vier Zuschauer*innen gegenüber. Es war ein eigenartiges Gefühl, plötzlich nicht mehr in einer Publikumsmasse unterzugehen, sondern von den Schauspieler*innen genau beobachtet werden zu können.

Franziska Hansen

© Alina Bader

Maschinen-Gefühle

In der partizipativen Performance Cyborg-City hatte es sich ein Mann aus meiner Gruppe zur Aufgabe gemacht, die Grenzen des Spiels auszuloten. Während des Abends wurden immer wieder blaue Punkte für maschinelles Verhalten, rote für menschliches verteilt. Als die Darsteller ihm einen blauen Punkt geben wollten, verlangte er einen roten. Dafür, so der Einwand, müsse er sich erst mal menschlich verhalten. Ohne zu zögern, küsst er die Schauspielerin. Für den Bruchteil einer Sekunde fällt sie aus der Rolle, schenkt ihm ein Lächeln – und drei rote Punkte.

Christina Reuter

Begegnungen

Besonders geschätzt habe ich die persönlichen Begegnungen mit den Künstlern. Nach der Performance von „I am Reality“ hatte ich das Vergnügen, Daniel Drabek persönlich kennenzulernen. Seine Antwort auf meine Frage, ob ich denn kurz ein paar Fragen stellen dürfte: „Du bist mir schon vorhin aufgefallen, weil du die Einzige warst, die nicht die ganze Zeit ihr Handy in der Hand hatte.“ Die persönliche Begegnung mit Leon Stiehl war mir besonders wichtig, weil er das Leben des jugendlichen Kindermörders Jürgen Bartsch nachzeichnet – und das besonders gut. Man ist sich nie sicher, ob das auf der Bühne Leon Stiehl ist oder Jürgen Bartsch. Nach dem bewegenden Monolog kam es zu intensiven Gesprächen.

Cindy Dodaro

© Paula Reissig

Schreib mal wieder!

Die „Flüsterpost“ – Stille Post? Funktioniert zwar nicht ganz so, aber auch hier geht’s darum, eine Botschaft weiterzugeben. Mit einer interessanten Falttechnik bekommt ein Papier-Sechseck mit zwei Seiten plötzlich fünf. Sinn und Zweck der Kastenmenschen, wie die Betreiber sich liebevoll nennen: Schreib eine Botschaft, die du selbst gerne lesen würdest. Sie standen an den verschiedensten Orten und verbreiteten das Gefühl einer Gemeinschaft.

Luiza Weiß

Glanz der Spiele?

Das Performing Arts Festival ist experimentierfreudig, vielseitig, weltoffen, international, feministisch und queer. Das ist wunderbar! Mit all diesen Eigenschaften rühmt sich die Gastgeberstadt ja selber gern. Man darf jedoch bei all dem Glanz der Spiele nicht vergessen, dass viele der Künstler*innen von ihrer Kunst kaum leben können und am Existenzminimum nagen. Für sie ist das Festival zwar eine wertvolle Plattform, trotzdem muss noch viel getan werden. Die Erhöhung der Zuschüsse für die Freie Szene ist dabei nur ein Anfang!

Ludwig Obst

© Paula Reissig

Pläne

Nichts läuft wie geplant. Ich eile zur S-Bahn – sie ist wieder mal verspätet. Als ich am Berliner Ringtheater ankomme, ist es schon zu spät, um noch reinzugehen. Also blättere ich im PAF-Programmheft nach den nächsten Performances in der Nähe, entscheide mich willkürlich für eine, gehe hin  – und bin zum ersten Mal überglücklich über die Verspätung der Öffentlichen! Anderes Beispiel, ähnlicher Fall: Ich komme zehn Minuten vor Beginn am ACUD Theater an. Ein Mann kündigt an, dass die Theaterkasse erst um 20:30 öffnet. Ich wundere mich, weil doch die Performance pünktlich um halb Neun anfangen sollte. Ich zeige meine Karte, der Mann an der Kasse ist überfordert – und schickt mich glatt in die falsche Vorstellung. Ich merke es auch erst, als sie schon angefangen hat. Aber die Verwechslung passt, weil ich in einer Performance landete, zu der ich einen direkten Bezug aufbauen kann! Es ist sinnlos, sich einen Plan während des PAFs zu machen, weil es im Zweifelsfall immer passend schief läuft.

Rana Eweiss

Im Nebel

Das PAF verschwimmt zu einem Nebel von Eindrücken, die ich noch schwer ein- oder zuordnen kann. Aus dem Nebel heraus treten aber noch deutlich Begegnungen mit verschiedenen Menschen, die eher zufällig aufs PAF gerieten und sich nach der ungeplanten Kollision verwirrt die Augen rieben – ein Zustand, mit dem ich mich in Ansätzen identifizieren kann.

Thu Ngoc Trinh

Ehrlich

Nach etlichen Empfehlungen schaffe ich es am Sonntag endlich zur letzten der vier Vorstellungen von Kadir „Amigo“ Memis’ „BACK TO ZERO“ im Hof des HAU1. Dieser Hof ist das Problem. Nach Tagen mit Sonne und Hitze gibt’s heute endlich Regen. Es prasselt den ganzen Weg über, bis wir klitschnass im HAU stehen: Die Vorstellung muss abgesagt werden. Sie können nicht riskieren, dass eine*r der Tänzer*innen sich verletzt. 30 Minuten später steht fest: Sie können eine abgespeckte Version zeigen: Musik und Malerei. Ohne Tickets, es komme wer wolle, um sich diese auf der riesigen Leinwand entstehenden und sich dauerhaft verändernden schönen Bilder anzusehen. Eine Minimalismus-Dynamik entspinnt sich. Und zumindest die Imagination der Tänzer*innen. Ein ehrlicher PAF-Moment. Am Ende ist natürlich alles wieder trocken. Wie sollte es auch sonst sein?

Aïsha Mia Lethen Bird

© Paula Reissig