Im geheimen Garten - Performing Arts Festival Blog 2018

Im geheimen Garten

11. Juni 2018

KRITIKEN

Duftklänge: „How Does the Smell Of Oranges Sound Like? The Garden of the Hesperides“ in der Vierten Welt.

Schwüle drückt gegen die hohen Fensterscheiben der Vierten Welt am Kotti. Drinnen liegt eine Frau auf der Bank ausgestreckt, beschienen von hellem, grünem Licht, umgeben von zierlichen Stöcken, die einen Hain um sie bilden.

Gretchen Blegen und Christina Ertl-Shirley haben künstliche Paradiese untersucht, genauer: Orangerien. Seit der Sonnenkönig Ludwig XIV. Zitrusfrüchte im 17. Jahrhundert zu seinen Delikatessen erkor, umwehen Orangen, Zitronen und ihre Schwestern der bittersüße Duft von Luxus und Dekadenz. Wie könnte dieser Geruch klingen? In ihrer interaktiven und begehbaren Klang-Installation „How Does the Smell Of Oranges Sound Like? The Garden of the Hesperides“ komponieren die beiden Künstlerinnen aus Aufnahmen, Lesungen und Interviews eine eigene Klangfarbe, weniger fröhlich gelb als vielmehr tiefgrün mit orange-roten Überraschungsklecksen.

Die erste Überraschung erwartet den Besucher am „Info-Stand“. Dort liegen Bücher und Bildquellen aus, die auch dem Künstlerduo als Recherche dienten. Darüberhinaus stehen auch zwei kantige Kassettendecks mit Kopfhörern bereit. Sauber geordnet reihen sich Kassetten zu verschiedenen Orangerien in Europa, die Ertl-Shirley und Blegen bereist haben. Die Besucherfinger suchen sich eine Kassette, friemeln sie in den Player. Aus den Lautsprechern dringen Blätterkruscheln, helle Singvogelstimmen, leichtes Schritteknirschen auf Kies – eine Soundcollage aus Potsdam. Über allem schwebt ein heller Ton. Im Jardin du Plantes in Paris hingegen dröhnt ein Geräusch heran, das wie die Metro klingt. Oder ist es schwerer Regen?

So verschieden die Geräusche sind, die die luxuriösen Gewächse in ihren Gärten hervorbringen und umgeben, so abwechslungsreich sind die einzelnen Stationen der Installation. Angelockt von einem hektischen Summen betritt man durch eine schmale Öffnung einen mit durchsichtigem Plastik verkleideten Raum, der zwar mit weißen Fliesen ausgelegt, aber ansonsten völlig kahl ist. Kommt das Summen von einer Hummel, die an einer Neroli-Blüte nuckelt, oder von einer borstigen Fliege, die um die herabgefallenen, überreifen Früchte summt? Der leere Raum bietet keine Antwort.

Dafür spricht die einzige Grünpflanze in der Installation. Mittels einer Blumengieß-Software können feinste elektrische Ausschläge der Pflanze sowie der Bodenbeschaffenheit erfasst und in einen Ton umgewandelt werden. Dieser stetige Ton liegt über der gesamten Ausstellung. Wäre die Pflanze vom Absterben bedroht, fiele der Ton in Tiefen, die für das menschliche Ohr selbst mit der Software nicht mehr hörbar wären.

Davon unberührt steht der künstliche Hain aus unbehandelten Holzleisten. Schräg strecken sich die Stäbe nach oben, eindeutig tot, nicht einmal schön. Trotzdem ist die beruhigende Wirkung inmitten des Hains verblüffend. Was ist das, das die Menschen dazu verleitet, die Natur zu imitieren, zu modifizieren und zu designen? Was ist es, das sie dazu treibt, irrationalen Aufwand zu betreiben und einen Garten zu erschaffen, den es nie gegeben hat? Und wenn diese Sehnsucht einen Geruch hätte, würde sie dann nach Zitrus duften?

von Mareike Dobbertien