“Ich liebe Sex.“ - Performing Arts Festival Blog 2018

“Ich liebe Sex.“

4. Juni 2018

INTERVIEWS

Im luftigen Sommerlook mit Sonnenbrille und offenem Haar, begrüßt mich Marie Golüke im ersten Zeitcafè Berlins. Frei nach dem Motto: Zeit ist Geld. Beim Betreten des Cafés wird sie gleich erkannt. Sie bestellt sich einen Latte Macchiato und bedient sich am Buffet. Beim Performing Arts Festival 2018 im Ballhaus Ost präsentiert sie „Shame“, eines ihrer seit 2016 entwickelte Performance-Trilogie EROTISM-SHAME-INSTINCT.

Marie, jede Aufführung hinterlässt Spuren auf deinem Körper. Die drei Narben an jedem deiner Oberarme hast du dir während einer Performance selbst geritzt. Wo liegen deine persönlichen Grenzen? Hast du welche?

Ja, ich habe auch Grenzen. Die Performance ist schon ein paar Jahre her und ich würde das, glaube ich, nicht nochmal machen. Aber ich bereue es auch nicht. Ich mag meine Narben sehr gerne und sie sind eine super Werbung für mich. Ich sage mir immer: Andere Leute haben Tattoos, ich habe Narben. Das ist auch eines der körperlich krassesten Sachen, die ich bis jetzt je gemacht habe und die mir geblieben sind. Man kann nicht immer höher, schneller, weiter machen, sonst müsste ich mich quasi noch auf der Bühne live umbringen. Darauf habe ich jetzt ehrlich gesagt nicht so Lust!

Wie bist du dazu gekommen, Performances zu machen?

Ich komme eigentlich vom Sprechtheater. Während meines Theaterwissenschaft-Studiums in München wurde ich zum ersten Mal mit Performances konfrontiert. Mein Professor Jörg von Brincken war sehr affin dafür und ist der einzige Mensch, den ich kenne, der so professionell über Pornografie reden kann. Er ermöglichte mir den Zugang zur Performance. Mit einem Kommilitonen habe ich dann für die Studiobühne bei einem Open Stage eine kleine Performance entwickelt.

Lässt du dich von anderen Künstlern inspirieren?

Marina Abramovićist die Mutter der Performancekunst. Ihre Arbeiten inspirieren mich. Die Grenzerfahrungen, die sie mit ihrem Körper macht, zu schauen was mit dem Körper alles passieren kann, finde ich spannend. Es beeindruckt mich, wie weit man mit dem Körper gehen kann. Der Körper hält viel mehr aus als man denken würde. Ich bin ein Adrenalinjunkie. Für mich sind diese Erfahrungen real. Sie passieren wirklich. Anders als beispielsweise im Theater, wo das Blut nicht echt ist.

Shame“ ist Teil einer Trilogie. Inwiefern haben die drei Performances thematisch miteinander zu tun?

Erotik, Scham und Instinkt sind Basismotivationen, die jeder Mensch besitzt. Sie sind existenziell. Ich will immer wissen, warum Menschen Dinge tun, die sie tun. All diese Dinge machen wir alle, zum Beispiel schämen wir uns, sind uns dessen aber nicht bewusst. Wir machen Sachen, weil wir lieben, hassen, neidisch sind. Ich glaube daran, dass wir, wenn wir uns all diesen Dingen wieder bewusst werden, viele dieser zwischenmenschlichen Konflikte lösen könnten.

Willst Du mit Deinen Performances etwas in der Gesellschaft verändern?

Ja. Das schönste was passieren kann, ist, wenn ich die Zuschauer verwirre. Bei der Performance geht es nicht darum, sie zu verstehen. Sondern darum, sich berühren zu lassen und sich auf die Performance einzulassen. Ich möchte, dass die Menschen in eine Diskussion kommen, mehr darüber nachdenken und sich dann auch dessen bewusst werden. Es muss ihnen nicht gefallen. Aber wenn ich sie dazu bringe darüber nachzudenken, habe ich meine Aufgabe erfüllt.

Du gehst sehr frei mit den Themen Nacktheit, Voyeurismus und Sexualität um. Was für eine Bedeutung hat Sexualität für dich?

Alles. Ich liebe Sex. Aber ich beschäftige mich damit auch gerne intellektuell. Wenn ich mich auf die Bühne stelle, vollkommend nackt, dann trage ich ein Kostüm. Die Bühne ist ein geschützter Rahmen, in dem man sich austoben kann. Mein Fotograf hat letztens zu mir gesagt: „Marie, du ziehst all deine ganze Kraft und Kreativität für deine Arbeit aus deiner Sexualität!“ Damit hat er total recht. Und wenn ich keinen guten Sex habe, dann kann ich auch nicht kreativ sein. Das war mir vorher nie so bewusst. Aus diesem Grund glaube ich, dass viele schlechten Sex haben, weil sie nie darüber reden. Ebenso haben Sexualität und Schmerz miteinander zu tun.

© Schallkörper Fotografie

Was genau ist Schmerz für dich?

Es gibt zwei Arten von Schmerz: guten und fiesen. Fieser Schmerz ist, wenn ich mir beispielsweise den Kopf stoße, oder wenn mir jemand auf die Hände und Füße schlägt. Guter Schmerz ist für mich ein ritueller Schmerz, der den Umgang mit dem eigenen Körper verändert. Das ist der Schmerz, den unsere Gesellschaft verlernt hat. Die Geschichte der Menschheit ist von schmerzvollen Ritualen geprägt und das Verlangen nach Schmerz ist tief verwurzelt. Nur wenige leben diese Triebe noch aus: Sadomasochisten.

Würdest du dich selbst auch als Sadomasochistin bezeichnen?

Für mich hat jeder Mensch eine dominante und sadomasochistische Seite. Bei einigen ist sie mehr ausgeprägt, bei anderen weniger. Bei mir ist diese Seite sehr ausgeprägt, also: ja , ich würde mich selbst auch als eine Sadomasochistin bezeichnen. Ich bin seit vielen Jahren in dieser Szene. Ich habe mit 20 Jahren damit angefangen und auch selbst mit einigen Leuten dazu Performance gemacht. Schmerz ist ein gutes Mittel, um die Menschen damit zu berühren.

Sieht man auf der Bühne Marie Golüke oder deinen Alten Ego?

Eine Mischung von beidem. Ich bin nicht privat auf der Bühne, aber ebenso wenig in einer Rolle. Mein Körper ist ein Übermittler. Ich bin ein namenloses, körperliches Objekt, das als Sprachrohr dient, um Themen wie Erotik oder Scham zu vermitteln.

Marie Golüke studierte Theaterwissenschaft an der LMU München und Performance Studies an der Universität Hamburg. Ihre Abschlussarbeit in Hamburg schrieb sie über Erotik in der zeitgenössischen Performancekunst und entwickelte dazu die künstlerische Arbeit “Transgression”, die u.a. auf Kampnagel, dem 100 Grad Festival Berlin und dem BeSTival in Bern gezeigt wurde. Seit 2010 arbeitete sie als freie Performerin u.a. mit RP Kahl, Isabelle Schad, Felix Ruckert und dem Institut für künstlerische Forschung. Sie zeigte ihre Soloperformances in Galerien in Hamburg und München und 2016 erstmals im Sisyphos-Club Berlin. Seit 2017 ist sie Dozentin für Performance-Kunst bei Interkulturell Aktiv. Ihre seit 2016 entwickelte Performance-Trilogie EROTISM-SHAME-INSTINCT, die in Berlin, Hamburg und München tourte, wird sie in diesem Jahr mit INSTINCT abschließen.

Von Cindy Dodaro